Geht die Wiedergeburt dem Glauben voraus?

 

George Zeller

 

Die Wiedergeburt ist der souverŠne Akt Gottes, durch den er dem glaubenden SŸnder sein eigenes Leben und Wesen zuteil werden lŠsst (Joh 1,12-13; Tit 3,5). Die erste Geburt des Menschen ist eine natŸrliche; die zweite eine geistliche und ŸbernatŸrliche. Durch die erste Geburt wird der Mensch Teil der gefallenen Menschheit; durch die zweite wird er Teil des erlšsten Gottesvolkes. Mit der ersten Geburt erhŠlt er eine verdorbene Natur (Eph 2,3); mit der zweiten wird er Teilhaber der gšttlichen Natur (2Pt 1,4). In dem Augenblick, in dem ein Mensch wiedergeboren wird, erhŠlt er neues Leben (Joh 6,47; 1Joh 5,12) und eine neue Stellung als Kind Gottes (Joh 1,12; 1Joh 3,1-2). Kurz, er ist eine neue Schšpfung in Christus (2Kor 5,17).

 

Reformatorisch gesinnte MŠnner lehren heute, dass die Wiedergeburt dem Glauben vorausgehe. Sie erklŠren, dass man wiedergeboren sein mŸsse, um glauben zu kšnnen, ja, dass man erst Leben aus Gott haben mŸsse, um an Christus glauben zu kšnnen. C.D. Cole drŸckt es so aus: ãDer Calvinist glaubt, dass das Leben dem Glauben vorausgehen muss und der Glaube die logische Folge des Lebens ist. Der Glaube bewirkt nicht die Wiedergeburt, sondern die Wiedergeburt den Glauben.Ò[1]

 

Warum lehren diese MŠnner das? Die Lehre der všlligen Verderbtheit des Menschen wird von einigen Calvinisten ins Extrem getrieben, was zu einem falschen VerstŠndnis der menschlichen UnfŠhigkeit fŸhrt. Sie glauben, dass der SŸnder tot in †bertretungen ist und všllig unfŠhig, auf das Evangelium einzugehen. Der SŸnder mŸsse zuerst erneuert werden und sei erst dann fŠhig, der frohen Botschaft

zu glauben.

 

Der Kerkermeister zu Philippi fragte einst: ãWas muss ich tun, dass ich gerettet werde?Ò (Apg 16,30). WŠre Paulus ein extremer Calvinist gewesen, hŠtte er wohl gesagt: ãDu kannst nichts zu deiner Errettung tun, absolut nichts. Du bist tot in SŸnden und všllig unfŠhig, die Errettung im Glauben zu ergreifen. Solange du nicht erneuert worden bist, bist du všllig unfŠhig, auf den Ruf Gottes zu antworten!Ò Doch wie ganz anders war die Antwort des Paulus: ãGlaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du gerettet werdenÒ (Apg 16,31).

 

Wir sind uns wohl einig, dass ohne Gottes wunderbares, gnŠdiges, befŠhigendes und erleuchtendes Wirken im Herzen niemand an Jesus Christus glauben kann (Joh 6,44.65; Mt 11,27; 16,16-17; Apg 16,14). Interessanterweise verlangt Gott manchmal etwas, das man von sich aus gar nicht tun kann. Da ist zum Beispiel der Mann mit der verdorrten Hand (Mk 3,1-5). Der Herr gebot ihm: ãStrecke

deine Hand aus!Ò. Wie sollte er diesem Befehl nachkommen? Seine Hand war doch gelŠhmt! Aber der Herr gebot, der Mann gehorchte und Gott befŠhigte. Der Herr befŠhigte den Mann, das sonst Unmšgliche zu tun. Genauso wird nun der SŸnder aufgefordert, an Jesus Christus zu glauben. VersŠumt er, diesem Befehl nachzukommen, wird er des Ungehorsams am Evangelium schuldig (2Th 1,8). Er wird nie sagen kšnnen: ãHerr, ich habe nicht an Dich geglaubt, weil ich všllig verdorben und unfŠhig war, zu glauben.Ò Nein, wenn jemand unglŠubig bleibt, dann deshalb, weil er sich weigert, zu Christus zu kommen. ãUnd doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu empfangenÒ (Joh 5,40).[2]

 

Geht nun die Wiedergeburt dem Glauben voraus? Eigentlich spielt sich ja beides im selben Augenblick ab. Sobald der Mensch an den Herrn Jesus glaubt, wird er erneuert (wiedergeboren). Sobald er Christus im Glauben aufnimmt, empfŠngt er von Gott das Geschenk des ewigen Lebens. Es geschieht alles in einem Augenblick. Und doch: Wenn wir Ÿber diesen wunderbaren Vorgang nachdenken wollen, mŸssen wir das Ganze in eine logische Reihenfolge bringen. Lehrt die Bibel, dass jemand erneuert werden muss, um glauben zu kšnnen, oder lehrt sie, dass jemand glauben muss, damit er erneuert werden kann? MŸssen wir Leben haben, um glauben zu kšnnen oder mŸssen wir glauben, um Leben zu haben?

 

Die Bibel lehrt ganz klar: GLAUBE, SO WIRST DU LEBEN! ãWahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat ewiges LebenÒ (Joh 6,47). ãDamit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hatÒ (Joh 3,15). Doch der extreme Calvinist sagt: ãLEBE, SO WIRST DU GLAUBEN!Ò Bemerkenswert ist jedoch, dass Johannes 1,12 eben gerade nicht sagt: ãAllen aber, die erneuert worden waren, denen gab er das Anrecht, an seinen Namen zu glauben, denen, die Kinder Gottes geworden sind.Ò Zu beachten gilt es auch Johannes 20,31, wo steht: ãund damit ihr durch den Glauben Leben habt.Ò Es steht dort nicht: ãund damit ihr durch das Leben Glauben habt.Ò Der SŸnder in seinem hilflosen und hoffnungslosen Zustand wird aufgefordert, zum Herrn Jesus Christus AUFZUBLICKEN UND ZU LEBEN (Joh 3,14-16; 4Mo 21). [Wir singen: ãWer Jesus am Kreuze im Glauben erblickt, der wird heil zu derselbigen StundÒ. Der extreme Calvinist mŸsste da singen: ãWer da heil wird, der erblickt Jesus am Kreuz zu derselbigen StundÒ.] Der extreme Calvinist lehrt, dass man Leben haben mŸsse, um glauben zu kšnnen. Der Herr jedoch lehrte, dass man glauben mŸsse (oder: zu Christus kommen mŸsse[3]), um Leben haben zu kšnnen (Joh 5, 40). Was ist der Grund fŸr den Unglauben der Leute? Sind sie nicht erneuert worden oder weigern sie sich einfach, im Glauben zu Christus zu kommen? (Joh 5,40; 2. Th 2,10.12)

 

Wenn die Wiedergeburt dem Glauben vorausgeht, ist der Glaube ŸberflŸssig, da die Wiedergeburt ja bereits die Errettung bewirkt hat. Wenn jemand erneuert worden ist, hat er neues Leben aus Gott und gehšrt zur Familie Gottes. Wer zur Familie Gottes gehšrt, ist gerettet. Wozu braucht es aber dann noch Glauben?

 

Charles Spurgeon, selbst ein Ÿberzeugter Calvinist, erkannte die Torheit der Lehre, dass der SŸnder erneuert werden muss, bevor er glauben kann: ãWenn ich einem wiedergeborenen Menschen den Glauben an Christus predigen soll, dann ist dieser Mensch – erneuert wie er ist – ja bereits gerettet und es ist eine unnštige, ja lŠcherliche Sache, ihm noch Christus verkŸndigen zu wollen. Es wŠre ŸberflŸssig, ihn aufzufordern, zu seiner Errettung zu glauben, wenn er doch bereits gerettet ist, da er ja wiedergeboren ist. Soll ich den Glauben nur denen predigen, die ihn bereits haben? Absurd, in der Tat! Ist das nicht dasselbe, wie wenn man mit der Medizin wartet, bis der Patient geheilt ist? Ja, genau das tut man, wenn man Christus den Gerechten anstatt den SŸndern predigt.Ò

 

Doch nehmen wir einmal an, das, was die extremen Calvinisten sagen, stimme. Die Wiedergeburt geht also dem Glauben voraus. Was muss der SŸnder dann tun, um gerettet zu werden? Darauf haben die extremen Calvinisten keine befriedigende Antwort. W.G.T. Shedds AusfŸhrungen dazu sind charakteristisch. Da der SŸnder nicht glauben kann, werden ihm folgende †bungen nahegelegt: 1) Er soll das Wort Gottes lesen und hšren, 2) sich ernsthaft mit der Wahrheit auseinandersetzen und 3) um die Gabe des Heiligen Geistes zur †berfŸhrung und Erneuerung bitten.[4]

 

Roy Aldrichs Reaktion hierauf ist messerscharf: ãEine Lehre Ÿber die totale Verderbtheit, die ausschliesst, dass der SŸnder glauben kann, muss auch ausschliessen, dass er das Wort hšren, sich mit der gšttlichen Wahrheit auseinandersetzen und um den Heiligen Geist zur †berfŸhrung und Erneuerung bitten kann.

 

 

Der extreme Calvinist befasst sich letzten Endes doch mit einem recht lebendigen

geistlich Toten.Ò[5]

 

Das Problem dieses Standpunktes liegt darin, dass das Evangelium verdreht wird. Dem SŸnder wird gesagt, das Gebet, nicht der Glaube, sei die Bedingung zur Errettung. Welch ein Widerspruch zu Apostelgeschichte 16,31, wo der SŸnder eben gerade nicht aufgefordert wird, um †berfŸhrung und Erneuerung zu bitten. Er wird einfach aufgefordert, an den Herrn Jesus Christus zu glauben.

 

Originaltitel: Does Regeneration Precede Faith?

Deutsche †bersetzung: Christa Berger

© George Zeller, The Middletown Bible Church, 349 East Street, Middletown

CT 06457, USA

 

 

Viele weitere Texte zu verwandten Themen finden Sie auf der Homepage: www.middletownbiblechurch.org/reformed/reformed.html

 

Es ist geplant, nach und nach weitere Titel auf Deutsch zu Ÿbersetzen.

 

 

 

 

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[1]   Aus dem englischen Traktat: Which Comes First In Conversion – Life or Faith? C.D. Cole, Chapel Library, Venice, Florida.

[2]     Siehe dazu unsere Studie ãGodÕs Willingness and ManÕs UnwillingnessÒ

[3]   ãZu Christus zu kommenÒ ist dasselbe wie ãan Christus glaubenÒ (dazu Joh 6,35.37.40).

[4]   W.G.T. Shedd, ãDogmatic TheologyÒ, Band 2, Seiten 472, 512, 513.

[5]   Roy L. Aldrich, ãThe Gift of GodÒ, Bibliotheca Sacra, July 1965, Seiten 248-253.