Beiwort zur Broschüre
„Die Gefahren der Reformatorischen Theologie“
Wenn diese Broschüre auf Gefahren der
„Reformatorischen Theologie“ eingeht, so sind damit nicht die Grundsätze wie
„Allein die Schrift“, „Allein aus Gnade“, usw. gemeint. Diese biblischen Grundwahrheiten,
die die Reformatoren der Lehre der röm.-kath. Kirche gegenüberstellten, wurden
und werden von allen bibelgläubigen Christen geglaubt.
Was heute unter „Reformatorischer
Theologie“ verstanden wird, beinhaltet ein ganzes Set von be-stimmten lehrmässigen
Positionen, z.B. zu Fragen wie: „Was ist die Stellung der Gläubigen zum mosaischen
Gesetz?“, „Hat Israel als Volk (im ethnischen Sinn) eine Zukunft?“, „Gibt es
ein Tau-sendjähriges zukünftiges Reich auf der Erde?“, „Ist Christus für alle
Menschen gestorben oder nur für die Auserwählten?“ usw. Zur „Reformatorischen
Theologie“ gehört die Lehre des Calvinismus; sie beschäftigt sich aber nebst
dem Thema der Auserwählung und Vorherbestimmung unter anderem auch mit dem
Verhältnis von AT und NT und mit der Lehre der Endzeit.
Die „Reformatorische Theologie“ hat in
den letzten Jahren in verschiedenen Ländern einen Auf-schwung erlebt. Sie hält
den pragmatischen, erfolgsorientierten Evangelisationsmethoden die Wahr-heit
von der Souveränität Gottes entgegen und betont die Wichtigkeit biblischer
Belehrung anstelle der weit verbreiteten evangelikalen Oberflächlichkeit. Die
meisten Bücher reformatorischer Autoren regen zu vertieftem Bibelstudium und
zur Beschäftigung mit biblischer Lehre an. So sehr ich diese Anliegen begrüsse
und teile, so sehr bin ich aber auch besorgt über die gleichzeitige Verbreitung
des ganzen theologischen Systems, die damit einhergeht. Auf einige Punkte, die
einer biblischen Prüfung nicht standhalten und daher für das Glaubensleben
gefährlich sind, geht diese Broschüre ein – und sie weist auf
ausführlichere Literatur zu den einzelnen Themen hin. Gerne bin ich bei der
Beschaffung dieser Schriften behilflich.
Im deutschsprachigen Raum geben immer
mehr Verlage reformatorische Bücher heraus. Einzelne Verlage, wie 3L und Beese
sind ganz reformatorisch. Immer mehr in diese Richtung bewegt sich auch der
Betanien-Verlag (H.-W.Deppe). Aber auch andere Verlage verbreiten –
zumeist was den Calvinismus betrifft – reformatorisches Gedankengut. Im
CLV (John Piper), im Schwengeler Verlag (Peter Masters) und bei CV (Erwin
Lutzer) sind Bücher von calvinistischen, bzw. reformatorischen Autoren
erschienen. Einen grossen Einfluss üben auch die Bücher und die Studienbibel
von John MacArthur
aus, der in gewissen Bereichen reformatorisch ist.
1. Die Grundlage des Calvinismus bilden die sogenannten 5
Punkte Calvins, oft als TULIP abge-kürzt. Sie bilden ein zusammenhängendes
Lehrsystem, das zwar in sich logisch, aber nicht unbedingt biblisch ist. Im
Rahmen dieser Broschüre wird nur auf den dritten Punkt ausführlicher
eingegangen.
Im Gespräch über die Punkte des
Calvinismus muss man wissen, was der Calvinist unter den einzel-nen Begriffen
versteht. So teilen z.B. alle bibelgläubigen Christen die Überzeugung, dass der
Mensch völlig verdorben ist. Der Calvinist aber versteht unter „Vollständiger
Verdorbenheit“ (Total Depravi-ty), dass der Mensch auch unfähig ist, zu glauben
und Busse zu tun.
Der Calvinismus hat seinen Ursprung nicht
bei Calvin,
sondern bei Augustinus.
Über Augustinus ist interessant zu lesen, dass dieser zwar Latein verstand (und
damit die lateinische Übersetzung der Bibel, die Vulgata, lesen konnte), aber
sich durch „Schwäche in Griechisch und seine fast völlige Unkenntnis des
Hebräischen“ auszeichnete (zitiert in „Überwältigt von Gnade“, John Piper, CLV,
Fussnote 45, S.157f.). Das heisst nicht, dass die Lehren des Calvinismus von
vorneherein falsch sind, aber dass es nicht unangebracht ist, sie einer
biblischen Prüfung zu unterziehen.
Beim Thema „(Aus-)Erwählung“ steht nicht zur Debatte, ob
dies ein biblischer Begriff sei. Das Wort Gottes spricht an vielen Stellen von
Erwählung. Die Frage ist vielmehr, wozu und auf welcher Grundlage Gott
bestimmte Menschen auserwählt. Das Volk Israel war auserwählt, und auch für
Judas Ischariot wird dieses Wort gebraucht. Heisst dies nun, dass sie deshalb
alle errettet waren?
Es geht auch nicht um die Frage, ob es
gerecht wäre, dass Gott Menschen zur Errettung auswähle. Gott ist souverän in
seiner Entscheidung und alles, was er tut, ist recht. Die Frage ist vielmehr,
ob die Lehre der Auserwählung, so wie sie normalerweise verstanden wird, mit
der biblischen Offenbarung übereinstimmt.
Reformatorische Autoren gebrauchen immer
wieder Ausdrücke wie „Gott hat jemanden bekehrt“ oder „der Mensch wurde bekehrt“[1] Dies mag dem Wunsch
entspringen, Gott in allem die Ehre zu geben. Aber es entspricht nicht dem
neutestamentlichen Wortgebrauch. In der Bibel werden Men-schen aufgefordert,
sich zu bekehren (Apg 3,19; 14,15; 26,20; usw.) und es wird bezeugt, dass
Men-schen sich bekehrten (Lk 22,32; Apg 9,35; 15,19; 26,18; 1,Thess 1,9; usw.).
Den Ausdruck „Gott bekehrt jemanden“ kennt die Bibel nicht. Die einzige mir
bekannte Stelle, die in diese Richtung geht, ist der Wunsch Ephraims in Jer 31,18,
dass Gott ihn bekehren möge.
2. Nur kurz angeschnitten wird in dieser
Broschüre das Thema „Lordship Salvation“. Der Begriff ist auf Deutsch sehr
schwierig wiederzugeben, und sogar im englischen Sprachraum verstehen nicht
alle Christen das gleiche darunter. Einige bezeichnen damit die Diskussion, ob
es möglich sei, Jesus Christus nur als Heiland und nicht als Herrn anzunehmen.
Da der Herr Jesus Christus nicht teilbar ist, ist diese Frage aber hinfällig.
Das bekannteste deutschsprachige Buch,
das den Standpunkt der „Lordship Salvation“ vertritt, ist „Lampen ohne Öl“ von
John MacArthur. Er wendet sich darin gegen die heutigen oberflächlichen
Evangelisationsmethoden (inkl. „Übergabegebet“) – welche ich ebenso
ablehne. Das Problem des Buches liegt darin, dass Errettung und Jüngerschaft
vermischt werden. Kann und muss ein Ungläu-biger „allem entsagen“ (Lk 14,33) um
errettet zu werden? Wurde der reiche Jüngling in Markus 10 wirklich darum nicht
gerettet, weil er nicht bereit war, alles zu verkaufen? Hätte diese
Aufforderung des Herrn ihn nicht vielmehr zur Erkenntnis führen sollen, dass er
nicht durch sein „Tun“ (V.17) gerettet werden konnte und dass er darum einen
Erlöser brauchte?
3. In Hesekiel 40-48 wird der zukünftige Tempel im
Tausendjährigen Reich ganz detailliert beschrie-ben. Sind diese Angaben nun
wörtlich oder nur symbolisch zu verstehen? Es ist aufschlussreich, reformatorische
Kommentare über diese Kapitel (z.B. „The Visions of Ezechiel“ von Patrick
Fair-bairn) mit wörtlichen Auslegungen (z.B. „Der Hesekiel-Tempel“ von Roger
Liebi oder „Messiah’s Coming Temple: Ezekiel’s Prophetic Vision of the Future
Temple“ von John W.Schmitt & J.Carl Laney) zu vergleichen. Für die ersteren
sind sie eine Art ideale Beschreibung der Gemeinde oder des Himmels, aber was
die vielen Details symbolisieren sollen, bleibt unerklärt. (Vergleiche „Zum Verständnis
von Hesekiel 40-48“, Samuel R.Külling, Fundamentum 3+4/2003).
4. Zur Frage, ob die Gemeinde an die Stelle von Israel getreten (und deshalb mit
„Israel“ wenig-stens teilweise „die Gemeinde“ gemeint sei), möchte ich den
Leser bitten, einmal alle Stellen im NT nachzuschlagen, wo das Wort „Israel“
vorkommt, und anhand des Zusammenhangs zu beurteilen, ob damit die Gemeinde
gemeint sein kann. Die Bibel kennt kein „geistliches Israel“.
Dass es zwischen Israel und der Gemeinde
viele Parallelen gibt, ist eines der Hauptargumente der-jenigen, die die
Gemeinde als Nachfolgerin von Israel sehen.[2]
Aber die Tatsache der Ähnlichkeiten sagt nur aus, dass beide das „Volk Gottes“
sind. Genauso wie die Tatsache, dass Jesus Christus viele Eigenschaften und
Namen mit Gott, dem Vater, teilt, darauf hinweist, dass beide Gott sind.
Trotzdem ist der Sohn nicht der Vater.
Nicht übersehen darf man dabei, dass es
auch viele Unterschiede zwischen Israel und der Gemeinde gibt. (vgl. „Achte auf
den Unterschied“, William MacDonald, CV oder auch „Israel und die Gemein-de“,
Jacob Thiessen, Jota Publikationen)
Der reformatorische Glaube ist
schliesslich für viele attraktiv, weil viele grosse Gestalten der Kirchengeschichte
ihm anhingen. Lasst uns aber nicht vergessen, dass es nur einen Massstab gibt,
nämlich das Wort Gottes! Oder wie die Reformatoren sagten: „Alleine die
Schrift!“
Patrick
Tschui, August 2007
[1] z.B.
Stuart Olyott, „Unbestechlich“
– Kommentar zum Propheten Daniel“, 3L, S.78; W. Nestvogel,
„Evangelisation in der Postmoderne“, CLV, S.138; Spurgeon, zitiert in Arturo
Azurdia, „In der Kraft des Geistes“, 3L, S.138; MacArthur, „Gott mit uns“, CLV,
S.124.
[2] So z.B.
in „The Church is Israel Now“ von
Charles D.Provan.